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Kapitalismus ohne Kapitalisten

by georg on November 25th, 2010

Ursprüngliche Veröffentlichung: Februar 2010
In den spätkapitalistischen Großunternehmen agieren Manager, die sich nicht mehr vor den EigentümerInnen rechtfertigen müssen. Diese Leere an der Stelle des beaufsichtigenden Eigentümers ist ein wesentlicher Faktor in der Ermöglichung gravierender Finanzkrisen und eine bedeutsame Verschiebung in der Struktur nicht nur einiger weniger Unternehmen sondern der gesamten Wirtschaft.

Die Finanzkrise der letzten Jahre offenbarte auffallend kurzsichtiges Handeln der Manager von Banken, die die Existenz der ihnen anvertrauten Unternehmen aufs Spiel setzten, indem sie unverhältnismäßige und unnötige Risken eingingen. In der Debatte wird mehr Moral gefordert oder strengere staatliche Regulation. Auffallend ist jedoch, dass auf die fundamentale Verschiebung in der Struktur großer Unternehmen nicht hingewiesen wird, die dieses Verhalten erst ermöglicht: die fast vollständige Entmündigung der Eigentümer dieser Unternehmen. Während Manager immer mächtiger wurden, verschwanden die einflussreichen FirmeneigentümerInnen – die Gründer, ihre Nachkommen, die großen Clans des unternehmerischen Kapitalismus; an ihre Stellen traten aber, bis auf Einzelfälle, eben nicht Kleinaktionäre, sondern die „institutionellen Investoren“ – das sind Pensionsfonds und –kassen, Versicherungen, Investmentfonds, also Gebilde, die die Gelder von vielen, meist kleineren AnlegerInnen investieren.
Im Jahr 2009 standen die großen DAX-Unternehmen zu 80% im Eigentum institutioneller Investoren, die nur noch zu rd. 30% deutsche waren. Hier fand innerhalb kurzer Zeit eine gewaltige Umschichtung statt, die zu einer deutlichen Verstreuung der EigentümerInnen führten
Die Verwalter dieser institutionellen Gelder haben komplexe Interessen, die aber in den meisten Punkten jenen der Manager börsennotierter Unternehmen mehr ähneln als denen der eigentlichen InvestorInnen: sie sind etwa ebenso ohne persönliches Risiko angestellt; sie haben ähnliche Ausbildungs- und Karrierewege genommen, gehören oft den gleichen Netzwerken an,…. Das erklärt teilweise, warum diese institutionellen Investoren ihre (treuhändischen) Eigentümerrechte kaum wahrnehmen, nicht zu Hauptversammlungen gehen, dort keine konstruktive Rolle spielen – und eben nicht in Aufsichtsräten sitzen.
Der Niedergang der Aufsichtsräte ist das anschaulichste Symptom dieser Entwicklung und wirksames Mittel der Ermächtigung der Manager: eigentlich sollten Aufsichtsräte die Interessen der EigentümerInnen gegenüber den angestellten Verwaltern vertreten – und waren früher auch jenes Gremium, in dem Eigentümer saßen. Inzwischen tummeln sich in ihnen aber Manager anderer Unternehmen, sodass ein Klüngel von Managern sich gegenseitig Positionen und Gehälter zuspricht und sichert. Dieses System ist, im Effekt, eine erfolgreiche Verschwörung zur Entmachtung der EigentümerInnen.
Durch das Wachsen der institutionellen Investoren haben sich die Eigentümer vervielfacht und verstreut: kalifornische LehrerInnen, französische Beamte, österreichische PensionsversicherungsnehmerInnen, englische FondsbesitzerInnen – ihnen allen gehört ein Stückchen von Siemens, Deutsche Bank oder EON und keinem von ihnen ist das bewusst. Während also das Eigentum an Unternehmen sich immer weiter verstreute – demokratisierte? – führte dies nicht zu einer Ermächtigung weiterer Interessensgruppen (ArbeitnehmerInnen, denen letztlich ein Großteil ihrer Unternehmen gehört), sondern zu einer völligen Entwertung des Eigentums in spätkapitalistischen, börsenotierten Großunternehmen. Diese Unternehmen, die einen wesentlichen Teil der Wirtschaftsleistung und sicher der wirtschaftlichen Macht einer Volkswirtschaft darstellen und die seit einem Jahrhundert als Herzstück des Kapitalismus gelten – diese Unternehmen gehören niemandem mehr, sind keine kapitalistischen, sondern bürokratische Unternehmungen.
Die Eigentumsstruktur börsenotierter Unternehmen ist auf der ersten Ebene gut dokumentiert. Schwieriger wird es, die eigentlichen Eigentümer „hinter“ den institutionellen Investoren darzustellen. Das wäre ein Forschungsvorhaben wert – etwa durch die Analyse der Veranlagung und Polizzen von Versicherungsunternehmen.
Die gestalterische, politische Arbeit wäre es, Wege zu aufzuzeigen, wie diese verstreuten EigentümerInnen ermächtigt werden können, ihre Interessen wahrzunehmen oder auch nur ihr Bewusstsein als Eigentümerklasse zu erkennen und damit dem Kapitalismus seine KapitalistInnen zurückzugeben – in den USA etwa gibt es zunehmend Initiativen von „concerned shareholders“, die gegen den Vorstand ihrer Unternehmen erfolgreich vorgehen.

notes:
Richard Sennett schreibt in “The Culture of the New Capitalism” über das Spitzenmanagement: “the central unit commands but avoids accountability”.

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