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die Tulpe war sehr schön, die Manie ist erfunden

by georg on März 8th, 2015
Die höchbezahlte Zwiebel aller Zeiten

Die höchstbezahlte Zwiebel aller Zeiten

Das ist ein zeitgenössisches Aquarell einer “Semper Augustus”, jener Tulpe, deren Zwiebel den höchsten Preis aller Zeiten erzielte; gilt als Sinnbild der “Tulpenmanie” Anfang des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden.

Da mich der stets wiederkehrende Verweis auf diese angeblich erste Spekulationsblase seit langem stört, ein paar Zurechtrückungen.

Zuerst zwei augenfällige, die ohne weitere historische Recherche ersichtlich sind:

Wenn für Tulpenzwiebeln exorbitant hohe Preise gezahlt werden und diese Preise dann wieder drastisch abstürzen, hätten, so heißt es, die Beteiligten ihr gesamtes Vermögen verspielt. Wahr ist viemehr: Offenkundig nur der Käufer; der Verkäufer hingegen hat nun das Vermögen. In keiner Spekulationsblase entsteht das flächendeckendes Elend nur durch überhöhte Preise; diese sind schlicht eine beschleunigte Umverteilung von Vermögen, eine Vermögensvernichtung findet dadurch nicht statt.

Die zweite augenfällige Zurechtrückung: ca. 80% aller Tulpen werden heute in Holland gezüchtet; Schnittblumen machen ca. 10% der Landwirtschaft und des Agrar-Exports aus; diese seit Jahrhunderten bestehende Agrar-Industrie nahm ihren Anfang in jenen Entwicklungen, von denen die vermeintliche Tulpenmanie eine Etappe war. Volkswirtschaftlich gesehen hat daher die intensive Phase des Blumenzwiebelhandels Anfang des 17. Jahrhunderts offenkundig einen nachhaltig positiven Effekt. Bei vielen jener Beschleunigungsphasen, die als Spekulationsblase gebrandmarkt werden, findet in der Euphorie tatsächlich eine nachhaltig wirksame Investition in Form einer breiter angelegten Vermögensverflüssigung statt.

Die weiteren Zurechtrückungen finden sich dem ausgezeichneten Wikepedia-Artikel:

Zeitgenössisch gab es zwar eine Debatte um das neue Phänomen der Blumen-Investition, die moralisch getränkte Verurteilung als Spekulationsblase ist aber eine Umschrift, die erst 100 Jahre später durch den schottischen Journalisten Charles Mackay erfolgte. Obwohl seine einzige Quelle ein späterer Bericht über zeitgenössische Flugblätter war, legte er die bis heute vorherrschende Sicht der Ereignisse fest.

Wie es zu dem exorbitanten Preisanstieg zwischen Herbst 1736 und Februar 1737 kam, ist immer noch zweifelhaft; interessant ist allerdings der nachträgliche Verlauf dieser Optionsgeschäfte: im Winter kann nicht die Zwiebel selbst gehandelt werden, sondern es wird ein Termingeschäft für den folgenden Sommer vereinbart. Nach dem Preisverfall Ende Februar fanden umfangreiche Verhandlungen statt, wie die seit November abgeschlossenen Geschäfte rückgängig gemacht werden könnten. Vermutlich sind die meisten dieser Geschäfte mit einer Abschlagszahlungen aufgehoben worden. D.h. es gibt Grund zu der Annahme, dass die vermeintliche Tulpenmanie real nicht stattgefunden hat.

Soweit es überhaupt eine Krise gab, betraf sie die bis dahin gültige Form der Geschäftsvereinbarung: ein auf Vertrauen basierendes System des Handels bzw. der Vorfinanzierung künftiger Geschäfte wurde angezweifelt. Der rechtliche Rahmen, insbesondere die Glaubwürdigkeit von Garantien, sind bedeutsam. Die Tulpenmanie war in dieser Hinsicht Symptom eines Kulturwandels in den Vertrauens-Ketten des holländischen Wirtschaftslebens.

Die gewissenhafte historische Analyse erlaubt somit erhellende Schlußfolgerungen für die gegenwärtige Krise. Nach dem langfristigen ökonomischen Nutzen von kurzfristigen Übertreibungen zu fragen, erhellt dramatische Unterschiede in scheinbar ähnlichen “Spekulationsblasen”; die aktuell andauernde europäische Finanz-Schuldenkrise ist nicht ein weiteres Beispiel einer Manie wie etwa die dot.com-Blase, sondern deren genaues Gegenteil: nicht Aufbruch in ein neues technologisches Zeitalter, sondern Symptom des Zusammenbruchs einer alten Ordnung.

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