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Schon wieder… Teil2: Geschichten hinter dem Actiondrama

by georg on Oktober 13th, 2013

Die Verankerung des Geldsystems in Vertrauen

Die Dramaturgie der Darstellung – eine Serie von „Showdowns“, von zu höchster Spannung angetriebenen Action-Höhepunkten – verdeckt die langen Entwicklungen darunter: ein offenbar überfordertes politisches System; eine Aushöhlung der Verbindlichkeiten im Staats-Finanzmarkt­ge­schehen durch die ultralockere Politik der Zentralbanken; eine chronisch steigenden Staatsschuld, die nicht durch simple Kürzungen beseitigt werden kann. In diesem Sinne: es wird eine Lösung geben, aber es wird keine Lösung sein.

Statt immer wieder den jeweils aktuellen Show-Down gebannt zu beobachten, mühsam versuchen, zu verstehen, was da nun wieder passiert, könnten wir die Dramaturgie selbst interpretieren: was heißt es, wenn immer wieder einzelne Ereignisse zu „Schicksalsfragen“ stilisiert, die Welt am Abgrund gesehen wird? Ein System, das chronisch auf Zusammenbrüche zuläuft, das nur noch in einer Abfolge von Krisen existiert, ist wohl ein labiles System. Eine oder zwei Krisen können punktuelle, externe, zufällige Attacken sein, ein Dutzend davon in 3 Jahren sind Symptome. Das Geldsystem ist auch in seiner augenscheinlichsten Ausprägung nur scheinbar einfach; selbst ein einfacher Tauschhandel – ich erhalte Geld für meine Arbeitszeit und kann damit im Supermarkt Lebensmittel kaufen – bedarf einer externen Garantie, eine Stelle, die allen Teilnehmern des Tauschhandels den Tauschwert des Geldes garantiert. Irgendwo in der ganzen Geldkette braucht es über jeden Verdacht erhabene, unzweifelhafte Stellen, die garantieren. Das ist letztlich eine Frage des Vertrauens – wie reglementiert und institutionalisiert auch immer. Dieses Vertrauen ist uns so selbstverständlich, so lange in der Praxis erprobt, dass es uns als offenkundige Wirklichkeit erscheint und dass das Vertrauen nicht schlagartig verschwindet. Aber in den letzten Jahren sind die Vertrauensstellen in der Geldkette nacheinander beschädigt worden: Vor 2008 wäre niemand auf die Idee gekommen, dass eine große österreichische Bank kein Geld mehr auszahlen kann. Nach den Notfinanzierungen von Erste Bank, den (defacto) Konkursen von Constantia, Kommunalkredit, HypoAlpeAdria und zuletzt Volksbank ist alles denkbar geworden. 2008 genügte die Aussage der Regierungen, sie würden die Sparguthaben garantieren, um jede Panik im Keim zu besänftigen. Nach Griechenland, nach Zypern, wie vertrauenerweckend wäre das heute noch? Und die Schuldendecke-Debatte in den USA zerkratzt gerade das Image der sichersten Staatsschulden von allen. Jetzt hängt alles an den Notenbanken: erst die entschlossene Aussage vom Chef der EZB im Sommer 2012 beendete die jahrelange Unsicherheit um EU-Staaten und Euro; in den USA sorgt die ultralockere Geldpolitik vom Chef der amerikanischen Notenbank für Vertrauen.

Was sich in Europa seit 2010 offenbart hat, trifft auch auf die USA zu: die Staaten gelähmt, die Rettung durch die Notenbanken besänftigt und verschiebt die Krisen ohne sie zu lösen. Und dieses Muster – gelähmte Politik, heroische Notenbank – halte ich für eine fatale Aushöhlung des demokratischen Systems. Politik verabschiedet sich zugunsten einer sachzwangargumentierten Systemerhaltung. Was wir seit Jahren erleben, ist ein biblisches Drama um die Rettung der westlichen Gesellschaften aus ihren ungelösten Strukturproblemen durch ominöse, geheimniskrämerische Zentralbanker, die wie Hohepriester den einzigen Zugang zu magischen (Geld)Quellen haben. Diese Geschichte ist eine Heilsfantasie in der Not. Sie läßt uns noch ein wenig länger in der Wirklichkeit träumen, dass sich das alles ausgeht, noch ein wenig länger von einer bequemen Fortsetzung der goldenen Jahrzehnte träumen.

Das vor 5 Jahren so sicher scheinende Geldsystem ist insofern erodiert, als die komplexe Kette von Vertrauens-Garanten erodierte. Nun hängt die ganze Kette an den Notenbanken; das hat etwas Fantastisches – weil Notenbanken Geld weder aus ihrer Wirtschaftsleistung, ihrem Eigenkapital, aus ihren künftigen Einnahmen garantieren, sondern nur aus sich selbst heraus; sie garantieren Geld qua ihrer Macht über das Geld. Diese Macht ist fantastischer als jede andere (weil grenzenlos) und sie ist fantastischer als jede andere, weil im Zweifelsfall durch nichts begründbar. Das heißt, die letzte Bastion der Vertrauenskette in der Geldkette ist mehr als alle anderen von einem unbedingten und fraglosen Vertrauen abhängig.

Diese Geschichte des Vertrauensverlusts und der Verschiebung von Vertrauen ist eine, die man in dem seriellen Drama „Finanzkrise“ erzählen könnte. Ich vermute, in 20 Jahren wird die Serie von Krisen kaum noch jemanden interessieren, eine große Geschichte wie diese wird erzählt werden. In dem zweiten Teil der Geschichte, dem Aufbruch der handelnden Personen aus dem Jammertal, könnten wir dann berichten, wie in den letzten Jahren neue Formen der direkten Unternehmensfinanzierung entstanden, die die bisherige Vermittlung durch Vertrauens-Banken ersetzen; dass hier eine Form des Austausches zwischen InvestorInnen und Unternehmen entsteht, die nicht nur die Mitwirkung und Mitbestimmung von vielen fördert, sondern auch wesentlich effizienter als die alten Finanzmarktinstitutionen ist. Dass “Occupy Wallstreet” jetzt eine Kreditkartengenossenschaft gründet ist ein Beispiel für eine neuartige Begründung von Vertrauen – die sich auf gemeinsame Werte und ethische Richtlinien gründet. Mikrofinanz- und Crowd-Investing-Plattformen wären weitere Beispiele. Die Vertrauenskette im Geldsystem verschiebt sich; Banken werden unwichtiger.

Es gibt andere erzählbare Geschichten (die Einführung einer Weltwährung, die Streichung von Staatsschulden im internationalen Einvernehmen, die Aufkündigung des Generationenvertrags in den Industriestaaten durch eine Tilgung der Staatschulden aus Privatvermögen, u.v.a.m.);  jede ist plausibel, die sich mit den grundlegenden Veränderungen unserer Gesellschaften befasst und den daraus resultierenden Veränderungen des Finanzsystems; ich möchte dazu anregen, den Blick von den jeweils aktuell hysterisierten Krisen zu den dahinter versteckten Themen zu richten, die Serien-Krise als Symptom des Umbruchs zu interpretieren. Und aus diesem anderen Blick kann dann auch ein Handeln entstehen, etwa betreffend Investitionen, siehe Teil 3.

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