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Was macht die Schweizer Nationalbank da eigentlich?

by georg on Januar 16th, 2013
  1. die „Ausweitung der Bilanz“, d.h. die Aufstockung der Devisenreserven, ist wirklich atemberaubend: von 50 Mrd CHF in 2007 auf 365 Mrd CHF im 2. Quartal 2012. Da dicke Zahlen ja heutzutage nichts mehr bedeuten, ein Hinweis: die gesamte Geldmenge (M3) der Schweiz ist aktuell rd 830 Mrd CHF (ausgeweitet von rd 600Mrd in 2007, irgendwie logisch)
  2. Auffallend ist, dass diese Ausweitung über alle Fremdwährungen erfolgt; zwar ist in absoluten Beträgen die Aufstockung in Euro die größte, prozentuell jedoch nicht. Daraus folgt, dass die SNB weniger eine Euro-Stärkung als eine ingesamte Franken-Abwertung im Sinn hat und somit weniger spezifisch auf die Euro-Krise reagiert, denn auf die globale Risikoaversion.
  3. Ebenfalls interessant sind die hohen Schwankungen der Bestände: So reduzierten sich die Euro-Beständen vom 3. Quartal 2011 (also nach Einführung der 1,2 Mindestgrenze) bis 2. Quartal 2012 von 127.Mrd auf 103 Mrd – um im nächsten Quartal auf 182 Mrd anzusteigen. Daraus folgt, dass nach Einführung der 1,2-Grenze die SNB tatsächlich Euro-Bestände abgebaut hat. Das ist wichtig, weil es widerspricht der üblichen Darstellung und zeigt, dass die Märkte vorübergehend durchaus zu einer Aufwertung des Euro tendierten.
  4. Die Mindestgrenzen-Politik kostet im Gegensatz zur häufigen Darstellung die SNB nichts. Im Geschäftsbericht 2011 heißt es: „Die Jahresrechnung 2011 der Nationalbank (Stammhaus) schloss mit einem Gewinn in der Höhe von 13,0 Mrd. Franken, nach einem Verlust von 20,8 Mrd. Franken im Vorjahr. Zum positiven Jahresergebnis trugen vor allem der Bewertungsgewinn auf dem Gold sowie der Erfolg aus den Fremdwährungspositionen bei.“ (http://www.snb.ch/de/iabout/pub/annrep/id/pub_annrep_2011) Seit Einführung der Mindestgrenze erleidet die SNB eben genau keinen Verlust mehr!
  5. Daraus ergibt sich ein interessanter Aspekt hinsichtlich dem Ausstieg aus der Mindestgrenzen-Politik: Angesichts der Höhe der Reserven bestimmen deren Auf-/Abwertungen maßgeblich über Gewinn und Verlust der privaten SNB. Daraus folgt eine ganz andere Dimension: eine neuerliche Aufwertung des Franken brächte für die SNB massive Devisen-Abwertungs-Verluste mit; die Toleranz hierfür muss – angesichts des aufgeblähten Volumens – begrenzt sein, zur Veranschaulichung:Ende Juni 2012 hielt die SNB 182 Mrd Euro; würde der Franken wieder auf die Parität steigen, hieße das einen Verlust von rd 40 Mrd Franken.
  6. . Das verstärkt das Interesse an der Stabilisierung der Wechselkurse. Hingegen würde eine Aufwertung des Euro der SNB schöne Aufwertungsgewinne bescheren.

Diese Betrachtungsweise ändert das übliche Diskussionsbild:

  • die SNB profitiert von der Mindestgrenze, sie kostet gar nichts; je höher ihre Devisenreserven sind, desto höher wird allerdings das Risiko einer weiteren Franken-Aufwertung und desto höher der Einsatz der SNB, diese zu vermeiden;
  • wenn das Spiel aufgeht – eine vorübergehende Panik an den Finanzmärkten wird unkonventionell aufgefangen, sobald sich alles beruhigt hat, steigt die SNB vorsichtig wieder aus – wird die SNB auch noch mit schönen Aufwertungsgewinnen belohnt.
  • Wenn sich die Lage jedoch als chronisches Missverhältnis zwischen Staatsfinanzen und Wirtschaftswachstum in allen großen Währungen entpuppt, dann hat sich die SNB eine veritable Bombe in die Tresore gelegt, die sie zur Geisel der eigenen Politik macht:

Wenn etwas nichts kostet, sein Wegfall jedoch drastische Verluste bringt, scheint mir die Motivation hoch, dabei zu bleiben. Das Eigeninteresse der SNB, die Mindestgrenze zu verteidigen, ist also hoch. Vermutlich wird die Bilanz im 3.Quartal 2012 auch tatsächlich bereits eine Entspannung anzeigen. Wenn jedoch nicht und die Euro-Krise chronisch weitergeht, dann sehe ich wenig Spielraum für die SNB, ihre Wechselkursbindung zugunsten einer Franken—Aufwertung aufzugeben und damit bliebe der Franken bis in alle Abgründe an den Euro gekoppelt.

georg tillner, Oktober 2012

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