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Bankenkrise und die Zukunft des Finanzmarktes

by georg on Dezember 20th, 2011

Gewiss, die Banken haben Übles getan, nicht nur ihre eigenen Institute an den Rand des Abgrundes oder weiter getrieben, sondern, als die Risken schlagend wurden, mit Kalkül die Kosten auf die All­gemeinheit abgewälzt. Ja. Das fordert Empörung und Widerstand, um zumindest eine Wiederholung zu verhindern. Wenn aber diese Empörung, wie all zu oft, eine moralische wird – das individuelle moralische Versagen „der Banker“ – , dann wird damit zwar ein Bedarf nach Ventilierung heftiger Gefühle befriedigt, aber nichts geklärt. Schlimmer noch, damit werden die Verhältnisse geschützt statt verändert; wenn jemand, die besser als die meisten versteht, wie die Hasen rennen, Frau Mer­kel, von der moralischen Verantwortung der Bankmanager spricht, dann unterstelle ich, dass sie mit Kalkül die unbequemeren strukturellen Fragen meidet. Und deshalb ist die moralische Kritik an den Banken eine, der die Rechten unbefangen zustimmen können. Die Politiker der Linken wiederum nutzen die emotionale Kraft der moralischen Empörung, um mit dem personalisierten Vorwurf an die „Ackermänner“ eine triviale Pauschalkritik an dem Finanzkapitalismus anzubringen, die keine analytische Schärfe besitzt und daher auch nichts zur Verbesserung der Verhältnisse beitragen kann. Und vollends deprimierend wird diese Empörung gewendet, wenn damit die Staatsfinanzen, genau­er die Staatsschulden, vor dem bösartigen Zugriff „der Finanzmärkte“ geschützt werden sollen, es skandalös sein soll, dass Italien endlich angemessene 6% Zinsen zahlen muss. Dass in dieser Ge­genüberstellung nun die Staaten moralisch, wohlwollend und unschuldig seien, ist perfide: weil tat­sächlich die Staaten mitschuldig an den Finanzkrisen sind; weil die notorischen Defizite nicht dem jetzigen und vor allem nicht dem zukünftigen Allgemeinwohl dienen, sondern zunehmend bloß der Befriedigung gegenwärtiger Lobby-Interessen.
Stattdessen könnte eine Analyse beginnen mit… Eigentumsverhältnissen, warum nicht, was sonst wäre die Basis des Kapitalismus’? Wem gehören die Großbanken, diese Dinosaurier des Finanz­marktes eigentlich? Und die überraschende Antwort: de facto ihren Managern, weil die Eigentümer­vertreter ausgeschaltet oder korrumpiert sind: die Aktionärsstruktur hat sich in den letzten 2 Jahr­zehnten gewandelt, nun dominieren Vertreter „institutioneller Investoren“ die Hauptversammlun­gen; diese sind aber keine Eigentümer des Kapitals, sondern selbst, wie die Manager, nur Treuhän­der desselben. Ihre Interessen sind strukturell denen der Manager näher als jenen der Eigentümern, deren Geld sie verwalten. Sie unterliegen den gleichen kurzfristigen Beurteilungszeiträumen, sie profitieren von dem gleichen Gehaltsniveau, von horrenden Bonifikationen ohne ausgleichendes persönliches Risiko. Und in dieser Aushöhlung der Unternehmensbestimmung durch die Eigentü­mer zugunsten einer letztlich unkontrollierten Managerkaste ähneln die großen börsenotierten Ban­ken dann eben auch den Zentralinstituten der Genossenschaftsbanken in Österreich: niemand schafft Generaldirektor Scharinger von der Raiffeisen-Landesbank etwas an; Andreas Treichel, Vorstand der Erste Bank, kontrolliert sich als Vorsitzender der Sparkassenstiftung, Hauptaktionärin der Ersten, gleich selbst. Erst diese Verselbständigung der Macht schafft die Grundlage für die eitle Expansionen nach Osteuropa (Erste, Raiffeisen), die Akkumulierung sagenhafter Berge von Schrottpapieren (alle) oder die kostspielige Ambition, zu den weltgrößten Investmentbanken aufzu­schließen (Deutsche Bank).
Dieses Mosaiksteinchen ist nicht mehr als das, aber es gibt kaum eine Fehlentwicklung des Banken­sektors, die sich nicht daraus speist. Und, mehr als das, folgen daraus konkrete Einsichten und Handlungsmöglichkeiten – Zurückdrängen des Einflusses institutioneller Investoren, Erhöhung des persönlichen Risikos von Bankmanagern; das Schöne an solchen Interventionen ist, dass sie den Staat nichts kosten und vor allem diesen jetzt schon angeschwollenen Bankenaufsichtsapparat nicht, wie bei mehr „Regulierung“, noch weiter aufblähen. Und Regulierung bläht auch auf Seiten der Banken den jetzt schon beherrschenden juristisch-bürokratischen Apparat weiter auf, womit deren Kosten und Profitdruck noch weiter steigen und deren Verständnis von Finanzmärkten noch weiter sinkt. Regulierungsblasen führt zu Bankenungetümen, die perfekt Gesetze und Regeln umsetzen, in­terpretieren, umgehen, bestreiten und ausnutzen können, aber kein Verständnis vom Bankengeschäft mehr haben.
Und dieses, die eigentliche Aufgabe von Banken, muss vor den Bankern – und vor den Staaten – ge­schützt werden. Niall Fergusson (The Ascent of Money) erinnert daran, dass der Aufstieg der mo­dernen Wirtschaft ohne „Finanzinnovationen“ nicht möglich gewesen wäre. Gegen die pejorative Vereinheitlichung der „Finanzwirtschaft“ als Gegensatz zur „Realwirtschaft“ sei daran erinnert, dass die Alternativenergiebranche in Deutschland seit den 80ern von engagierten Firmen ermöglicht wurde, die über Aktien und Anleihen die ersten Windparks und Solaranlagen finanzierten. Die enga­gierten Produzenten wie Solarworld und Nordex gäbe es nicht ohne die engagierten Vermittler von Kapital wie Umweltbank und Energiekontor. Und zur Abrundung der Erinnerung: die Staaten be­gannen erst spät und zögerlich mit der Förderung von Alternativenergie, als diese bereits etabliert war.

So also könnte eine Empörung über die monströsen Kosten, die der staatlich-finanzielle Komplex der Allgemeinheit aufbürdet, in eine Erschütterung über pervertierte Strukturen münden; und von hier in die grundlegende Frage politischen Handelns: Was tun? Wie also die Wucherungen des staat­lich-finanziellen Komplexes beschneiden, wie die ursprünglichen und produktiven Funktionen des Finanzmarktes wiederbeleben? Das Mosaiksteinchen Eigentümerrechte fügt sich mit zahlreichen anderen Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild: Reduktion der Komplexität, Errettung der ur­sprünglichen Aufgaben des Finanzsektors durch direktes, transparentes, mitbestimmendes Handeln.

Im Bereich des kollektiven politischen Handelns, also unserer Forderungen, was „die Politik“ zu tun habe, soll die Bankenaufsicht und das Regelwerk nicht ausgeweitet, sondern im Gegenteil redu­ziert werden; wirksamer sind klare Bedingungen für Managergehälter, die das persönliche Risiko einführen, weil eine persönliche Haftung der Manager wirkt risikoscheuender als Bilanzierungsre­geln. Ein Konkursrecht – mit drastischen Eingriffen in die Eigentumsrechte – bewirkt mehr als ein Herumschrauben an Eigenkapitalvorschriften. Die Banken sollen in schützenswerte Kernbereiche – Verwahrung von Spareinlagen, Vergabe von Krediten an Private und Unternehmen – und riskante, nicht schützenswerte andere Bereiche (Investmentgeschäft, Kreditgeschäfte mit anderen Banken und Staaten) aufgespalten werden. (Nouriel Roubini präsentiert eine lange Liste politischer Hand­lungsmöglichkeiten in seiner großen Abhandlung der Krise „Crisis Econcomics“)

Und die Analyse des Mosaiksteinchens Eigentumsrechte wie das Gesamtbild der Reduktion von Komplexität eröffnet individuelle Handlungsräume: Wir können Banken nutzen, die von ihren Ei­gentümern kontrolliert werden – wie etwa die traditionellen, langweiligen und sehr krisenresistenten kleinen Genossenschaftsbanken – ja, die gibt es immer noch, zumindest am Land. Und was spricht dagegen, seine Hausbank etwa im idyllischen Nussdorf am Attersee zu führen? Oder eine jener wi­derständigen Sparkassen zu unterstützen, die sich immer noch weigern, dem Haftungsverbund bei­zutreten? Oder eine der explizit ethischen und thematischen Banken zu nutzen, die sich in Deutschland etabliert haben, die Umweltbank etwa, und die sich durch hohe Transparenz und Mit­bestimmung der Kunden auszeichnen. Die Standardisierung des Bankgeschäfts im EU-Binnenmarkt und Internet-Banking erlauben eine freie Wahl der Bank über Orts- und Landesgrenzen hinaus – warum das nicht ausnutzen, um den Finanzmarkt mitzubestimmen und das eigene Risiko zu redu­zieren?
Das Internet erlaubt andere neue Formen der Direktheit, die das traditionelle Bankgeschäft ersetzen: etwa das wunderschöne Mikro-Kredit-Portal-“Kiva“ (http://www.kiva.org); diese Mischung aus fa­cebook-community und Kreditvergabe ist nicht nur wegen dem relativ hohen ethischen Wert von Mikrokrediten vorbildlich, sondern insgesamt für ein direktes, transparentes, mitbestimmendes Kre­ditgeschäft; Umweltbanken in Deutschland und der Schweiz machen über die thematische Auswahl ähnliches.
Und gegen die immer komplexer strukturierte Investmentwelt, in der immer mehr Zwischenhändler immer größere Anteile der Rendite beanspruchen und die Verwendung und Entwicklung der Inves­titionen immer undurchschaubarer machen, gibt es ein altes Rezept: kaufen Sie Aktien von Unternehmen, die Sie kennen und verstehen. Bei einer aktuellen Dividendenrendite von durch­schnittlich 6% in Europa können die absurden Kursschwankungen ja gelassen hingenommen wer­den; und das Risiko ist fundamental vermutlich niedriger als bei einem Sparbuch: der Manager ei­nes der größten europäischen Aktienfonds merkte neulich lapidar an, dass ihm kaum noch ein euro­päischer Staat einfiele, dessen Bankrott ebenso so unwahrscheinlich sei wie jener von Firmen wie Novartis oder Siemens.

Und dann gibt es das weite Feld von direkten Beteiligungen an Geschäften, die Sinn machen – ein Solarpark in Italien oder eine Mischwald-Aufforstung in Vietnam; Investitionen also, deren Wert­steigerung direkt aus der Produktivität nützlicher Dinge wie Energie oder Holz entstehen.

All das sind nur Mosaiksteinchen, gewiss, aber immerhin erlauben sie, Geld mit mehr Sinn und Selbstbestimmung, und, warum auch nicht, mehr Freude einzusetzen. Und ich denke, dass sich aus ihnen das Bild des zukünftigen Finanzmarktes legen lässt; nicht weil Sie oder ich solche Steinchen legen, sondern weil unscheinbare kleine Randnachrichten – Siemens zog seine Konten von Banken ab und gründete eine eigene, Investmentfonds borgen Unternehmen direkt Geld ohne den kostspie­ligen Umweg über Anleihen und Investmentbanken – darauf hinweisen, dass die Rolle der Banken im Finanzmarkt gerade grundlegend umgeschrieben wird.

Und wenn wir uns von den Hoffnungen auf eine große Rettung und von der empörten Forderung nach einer solchen emanzipieren – das große neue Regelwerk, die EZB, die Weltbank, die D-Mark – dann besticht die Verfügbarkeit dieser kleinen Mosaiksteinchen: es ist alles schon da, jetzt, hier.

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