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Die Grosse Sommerbörsenburleske 2011

by georg on August 25th, 2011

Selten wurde in der Finanzwelt das Sommerloch mit so viel Dramatik gefüllt. Aber wozu die ganze Aufregung? Jetzt, Ende August, da wir anscheinend das Ende des grossen mysteriösen Börsecrashes erleben, können wir mal etwas tiefer durchatmen und grübeln, was da geschah.
1. Anmerkung: Fing das Ende Juli mit dem absurden Tauziehen um das US-Schuldenlimit an? Uj, was da für Fantasmen geisterten: die USA sind bankrott und die Welt stürzt in den Abgrund. Die Pointe bei Staatsschulden ist: bankrott ist der Staat, wenn seine Gläubiger das sagen – und im Falle der USA ist das noch weithin, bis sich irgendjemand das trauen kann. Sollten denn vielleicht die Chinesen sagen: He, die paar Billionen US Treasuries in unseren Tresoren erklären wir hiermit für wertlos, weil uns das moralisch richtig erscheint!? Was Barry Eichengreen „The Exorbitant Privilege“ genannt hat, die Sonderstellung des US Dollars, heisst, dass die USA nicht bankrott gehen können. Noch eine Weile nicht.
2.Anmerkung: was daran wirklich grotesk war: wegen der Staatsschuldenkrise fallen die Börsen, die Anleihenkurse aber steigen! ?? Auch wenn Börsen grundsätzlich sensibler auf alles reagieren, das war schon sehr sehr eigen. Auch wenn bei Unsicherheit immer von „riskanten“ Aktien in „sichere“ Anleihen umgeschichtet wird: schon erstaunlich, dass sich dieses Gegensatzpaar nach den letzten Jahren noch hält! Besonders deprimierend sind die Erklärungen, ja, das liege an der hohen Unsicherheit in den Märkten. Deprimierend, mit welcher intellektueller Seichte hier das Symptom als Ursache präsentiert wird: eh klar, sind die Märkte unsicher – aber warum, verdammt noch mal, ist die eigentliche Frage!
3. Anmerkung: Daraus entstand dann eine schöne selbstreferentielle Schlaufe: Wochenlang hämmern die KommentatorInnen Düsternis, Pestilenz und Untergang. Dann ergeben die regelmässigen Meinungsumfragen – die „Stimmungsindikatoren“ – ein abruptes Sinken des Vertrauens: Surprise Surprise! Das aber, die Wirkung, wird nun als Ursache für weitere Börseabstürze angeführt. Sind solch hanebüchernen Nichtserklärungen nun nur weiteres Zeichen der gesamtgesellschaftlichen Ignoranz bei allem, was Finanzmärkte anlangt – oder drückt sich hier eine besondere Verschiebung aus?
4. Anmerkung: Börsen als Sündenböcke. Gewettert wird über die Flatterhaftigkeit der Kurse, Vernichtung von Vermögen. Besonders dummdreist fand ich eine Werbeaussendung von „MIG“, eines deutschen „Private Equity“ Fonds, der die Wertvernichtung der Siemens-Aktie in den letzten Wochen („um satte (sic!) 30 Milliarden geschrumpft“ als erschütterndes Indiz der Unzuverlässigkeit der Börsen beklagt – und seine nichtbörsenotierten Beteiligungen als Hort ruhiger Geldmehrung preist. Das ist dreist, weil alle Wertschaffung bei Private Equity letztlich von der Börse abhängt: entweder durch einen Börsegang oder durch den Firmenkauf durch ein grosses, börsenotiertes Unternehmen. Die eigene Geschäftsgrundlage madig machen, ist aber auch ökonomisch dumm. Aber diese deutsche Firma nimmt einfach eine Stimmung auf und versucht sie, für eigenes Marketing zu nutzen – nicht besonders clever, aber auch nicht besonders bösartig. Aber warum diese Stimmung? Ist dieses Halali auf die Börsen nun mehr als übliches Gejammere? Findet hier eine grosse Verschiebung und Verschleierung statt: das ganze Jahr beschäftigen uns die eklatanten Schuldenprobleme Europas, der USA und Japans. Und vor allem die Lähmung der Politik. Und des Sommers werden nun plötzlich die Börsen als Übeltäter entlarvt?? Hektische Konferenzen der beiden zwerggrossen europäischen Staatspersonen Sarkozy und Merkel, um gegen die „destruktiven Mächte der Finanzmärkte“ anzutreten. Aha. Sollten diese Geistesleuchten sich nicht eher um die Staatsfinanzen und -führung kümmern, als um die Märkte – deren Verunsicherung ja gerade aus der Politik Gelähmtheit entsteht?
Letzte Anmerkung: Die besondere Dramatik in der Unsicherheit der Märkte der letzten Wochen – sehr viel Verluste für null relevante wirtschaftliche Neuigkeiten – liegt wohl in einem entsetzten Bewusstwerdung einer doppelten Leere: erstens, dass die PolitikerInnen der westlichen Welt tatsächlich ratlos und handlungsunfähig sind. Zweitens und noch entsetzter, dass „die Märkte“ nun plötzlich erkennen, dass sie tatsächlich politische Führung bräuchten – als Garanten stabiler Rahmenbedingungen. Eine Leere, wo Politik als Zukunftsgestaltung gemacht werden sollte; ein Lücke, weil auch die Finanzmärkte Politik bräuchten.
Insofern droht diese Sommerposse Vorbote strukturell grösseren Unbills zu sein: eine blind gelähmte Politik, die keinen Plan mehr hat, keine Herausforderungen mehr annehmen kann. Die sich deshalb mit grossem Tamtam in Neben- und Nebelschauplätze flüchtet. Und in einer paradoxen Verkehrung könnte tatsächlich drohen, dass die Börsen – eigentlich die von Staatsfinanzmiseren noch am wenigsten betroffenen Märkte – darunter auch in Zukunft am heftigsten reagieren. Bedenklich daran ist langfristig aber nur, dass dann so wie diesen Sommer Ursache und Wirkung verkehrt werden – die Börsen fallen wegen schlechter Politik, was letztere aber zum Anlass nimmt, in reaktiven Aktionismus zu verfallen – wodurch die Fehlererkennung und -behebung recht erschwert wird.
Bang und bänger könnt einem werden – wenn all dies nicht eine so selten wunderbare Gelegenheit ist, besonnen zu investieren: Statt zu jammern, dass Siemens 20% an Wert verloren habe, freuen wir uns doch, dass wir wegen der Anderen unbegründeter Panik so billig wie noch nie in diesem Jahrtausend (gemessen an erwartetem Umsatz und Gewinn) kaufen können.

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