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Investmentletter April 2011

by georg on April 3rd, 2011

Japan
Angesichts einer Atomkatastrophe wie jener in Fukushima gebietet der Anstand, zu schweigen. Nicht als moralische Redlichkeit, sondern intellektuelle: welche Auswir-kungen auf Wirtschaft, Währung und Aktienmärkte dies haben wird, ist nicht vorhersehbar. Die bisherigen schnellen Analysen waren im Ergebnis ungenau und in der Logik falsch. So wurde etwa eine Aufwertung des Yen mit dem Rückfluss im Ausland angelegter Gelder für den Wiederaufbau begründet. Hierbei fiel allerdings die feine Unterscheidung zwischen tatsächlichen Geldflüssen und der Erwartung derselben unter den Tisch. Die tatsächlichen Geldflüsse sind schwer messbar und keinesfalls kausal festlegbar. Die Erwartung solcher Geldflüsse hat kurzfristig den gleichen Ef-fekt, nämlich einen Anstieg des Yen, allerdings, und das ist der entscheidende Unterschied, mittelfristig das Potential des gegenteiligen Effekts, wenn das Erwartete nicht eintritt. Und warum nach einer Katastrophe starke Kapitalströme in das betrof-fene Land und nicht im Gegenteil aus dem Land heraus fließen sollen, ist bislang nicht glaubhaft argumentiert worden: Warum sollten Unternehmen jetzt Gelder nach Japan holen und nicht im Gegenteil in ausländische Produktionsstandorte investieren, um die Ausfälle in Japan zu kompensieren? Wird nicht der Wiederaufbau starke Importe von Waren und Maschinen und damit Zahlungen ins Ausland erzwingen?

Libyen
Vor 3 Monaten begann mit einer spontanen Jugendrevolte in Tunesien eine erstaunliche Demokratiebewegung in der arabischen Welt. Inzwischen hat sich eine, zuerst als „Flugverbotszone“ verharmloste, internationale Intervention hinzugesellt, die eine unklare Situation in Libyen noch verworrener gemacht hat. Da sie bisher nicht zu klaren Erfolgen der Rebellen geführt hat, ist eine schrittweise Eskalation – Geheimdienstoperationen, Waffenlieferungen, Marineeinsätze, schließlich Bodentruppen – wahrscheinlich. Damit gerät die europäische Außenpolitik in der arabischen Welt in eine neue, so nicht geplante und durchdachte Situation. Nur ein baldiger völliger Sturz Gaddafis könnte diese Eskalation verhindern; aber dieser Wunsch verkennt womöglich die Verhältnisse: wenn es sich nicht um einen isolierten, geistesgestörten Diktator handelt, sondern um ein gut verankertes und weit vernetztes Regime, steuert das Land auf einen langwierigen Bürgerkrieg zu, für den die internationale Gemeinschaft zunehmend Verantwortung übernehmen muss.

Europa
Die ersten 3 Monate des Jahres standen im Zeichen internationaler Krisen; nicht zufällig konnte sich der Euro in deren Windschatten kontinuierlich von seinen Tiefstständen hocharbeiten; die europäische Schuldenkrise geriet in mediale Vergessenheit. Zu Unrecht: der neuerliche Kapitalbedarf irischer Banken, das nervöse Lavieren Portugals zeigen, dass der europäische Banken-Staaten-Schuldenkomplex weiter marode ist. Die immer wieder als endgültige „Rettung“ gefeierte Instrumente sind untauglich – das Problem dieser Länder ist nicht (mehr und nur) eines mangelnder Liquidität, das Kreditlinien gelöst werden könnte, sondern eines der Überschuldung. Ob Irland ausländischen Banken oder Staaten Zinsen von 6% zahlen muss ist unerheblich, wenn es diese schlicht nicht aufbringen kann oder will. Ein Schuldenerlass („hair cut“, „Umschuldung“) scheint unausweichlich; am wahrscheinlichsten in einer stillen Abwicklung über die EZB: diese nimmt Staatsanleihen als Sicherheit von Banken – egal ob zum Nominalkurs 100 oder mit einem Abschlag auf 70 – entgegen und gibt diese mit Abschlag an den jeweiligen Staat zurück. Fertig ist die Schuldentilgung. Das wird wahrscheinlich zu einem erleichterten Aufschrei führen, der gut für Europa, gut für den Euro sein wird. Problematisch sind die Auswirkungen auf die privaten Gläubiger: sofern es sich um europäische Banken handelt, wird die noch nicht voll-zogene Abschreibung zu einer Senkung des Eigenkapitals und damit vermutlich zu weiterem Bedarf an staatlichen Unterstützungen führen. Was aber gravierender ist: Staatsanleihen finden sich maßgeblich auch in den Portfolios von Versicherungen; diese werden die Verluste nur schwer auffangen können; daher werden weitere staatliche Maßnahmen zu deren Sanierung notwendig sein. Zumindest werden die Aufsichtsbehörden den Mindestzins in Lebens- und Pensionsversicherungen weiter herabsetzen.
Europäische Staatsanleihen werden ein kompliziertes und volatiles Instrument bleiben; gerade das Risikolose bleibt riskant. Für nervenstarke Investoren werden sich außergewöhnliche kurzfristige Gewinnchancen bieten, wer hohe Schwankungen und Panikphasen schlecht aushält, sollte um alle Produkte, in denen europäische Staats- und Bankanleihen stecken könnten, noch 2 Jahre einen großen Bogen machen: Anleihe- und Cashfonds, Lebens- und Rentenversicherungen, Zertifikate von Banken und letztlich auch Sparbücher. Zinsprodukte aus anderen Regionen (Norwegen, Australien, Asien, Südamerika) sind eine werthaltigere Alternative; wenn durch eine Umschuldung die Staatsschuldenkrise in Europa beendet wird, ist eine beschleunigte Aufwertung des Euro zu erwarten. Daher sollten alle Investitionen außerhalb des Euroraums auf Sicht von 2 Jahren währungsgesichert werden.

Zinsen
Die Inflation in Europa ist, wenig überraschend angesichts der lockeren Geldpolitik, auf fast 3% gestiegen (2,8% gesamt EU, Österreich 3,1%; Zahlen EUROSTAT Februar 2011). Da der Leitzins auf 1% verharrt, der 3-Monats-Euribor sich im letzten Jahr zwar verdoppelt hat, aber immer noch nur 1,2% beträgt, erreicht der reale Geldverlust mit Zinsprodukten historisch herausragende Höhen; Veranlagung in Zinsprodukte sind also derzeit unsinnig, Kreditaufnahmen hingegen ein einzigartige Chance: Geld erhält man derzeit real kostenlos!

Daten: Eurostat – HVPI & Zinssätze
Seit längerem wird erwartet, dass die EZB die Zinsen erhöht und die extrem lockere Geldpolitik beendet. Tatsächlich hat die letzte Ratssitzung einen solchen Schritt angekündigt. Experten halten das aber für Theaterdonner: solange die europäische Schuldenkrise nicht gemeistert ist, würde eine Zinserhöhung weitere Staaten in Not bringen. Zur Veranschaulichung: Österreich zahlt auf seine Schulden derzeit rund 3,5% Zinsen und wendet dafür 5% des Budgets auf. Durch eine Erhöhung des durchschnittlichen Zinsniveaus um 1 Prozentpunkt würden die Zinszahlungen um 2Mrd Euro (das sind die Gesamtausgaben für Universitäten!) oder rund 0,7% des BIP steigen. Die EZB wird sich noch einige Zeit mit dem Dilemma konfrontiert sehen, entweder die Inflation laufen zu lassen oder Staaten in die Krise zu schicken. Ich wette auf die Erhöhung der Inflationstoleranz. Tatsächlich ist das sich abzeichnende Bild hoher Inflation bei niedrigen Zinsen der Wunschtraum zur Schuldenbereinigung – für Staaten aber auch Private.

Die Aktienmärkte
Rückblick: das letzte Jahr war weit komplizierter als es wahrgenommen wurde. In Europa schloss der deutsche Aktienmarkt mit einer fulminanten Jahresendrallye deutlich positiv; die meisten anderen Länder allerdings stagnierten in der Verlustzone. Diese Divergenz war historisch einzigartig.

Ähnlich widersprüchlich verliefen auch internationale Märkte: asiatische Börsen korri-gieren seit letztem November; amerikanische Börsen steigen seit letztem Juli konstant an. Hier zeigt sich der Effekt der weiterhin extrem lockeren Geldpolitik, aber auch ein Aufschwung der Wirtschaft. Für die Erholung der amerikanischen Wirtschaft ist die Softwarefirma ORACLE bezeichnend: deren Umsätze steigen um 30% und werden inzwischen zur Hälfte ausserhalb der USA erwirtschaftet. Die wirtschaftliche Dynamik wird durch Nachfrage in den Schwellenländern erzeugt und in diese kann am billigsten durch US-Unternehmen investiert werden, weil deren Bewertungen inzwischen niedriger sind als jene der Unternehmen in den Schwellenländern. Dieses bemerkenswerte Phänomen trifft auch auf Deutschland zu. Die japanische Katastrophe hat übrigens eine bereits laufende Korrektur nur kurzfristig verstärkt, dieser Effekt ist aber auf allen Märkten wieder aufgeholt (Stand 31.3.)
Ausblick: die fundamentalen Daten der Unternehmen weisen auf einen stabilem Wachstumskurs und weitere, vermutlich deutliche, Anstiege der Aktienkurse. Sowohl politisch, als auch aufgrund der weiter schwelenden Finanzkrise sind aber jederzeit Rückschläge möglich.

Rohstoffe
Am deutlichsten zeigen sich die beherrschenden Faktoren der Gegenwart bei Rohstoffen und Edelmetallen: extrem hohe Liquidität (also sehr viel Geld, das investiert werden muss), starker Bedarf in Schwellenländern und hohe Unsicherheit bezüglich der Werthaltigkeit von Währungen führen zu hohen Investitionen in Sachwerte. Bemerkenswert ist die Stabilität des Goldpreises in € trotz des Anstiegs des Euros gegenüber dem Dollar.

Warnungen
Einer der wichtigsten Frühindikatoren, der Baltic Dry Index, der die Charterraten von Handelsschiffen misst, ist wieder deutlich gefallen und liegt nur wenig über seinen Tiefstständen 2008. Das deutet auf eine deutliche Verlangsamung des Welthandels. Allerdings drückt sich hier auch das massive Überangebot an Schiffen an, die in den Boomjahren 2005-2007 bestellt und jetzt ausgeliefert werden.

Empfohlene Investitionen
Weiterhin Sachwerte bevorzugt; langfristig weiterhin Asien. Europäische Aktien, vor allem außerhalb Deutschlands, können noch deutlich aufwerten. Zinsprodukte aus dem Euroraum bleiben volatil und riskant.

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